Krallers Alptraum

From: Peter Scheubert (ps)
Newsgroups: de.rec.alpinismus
Subject: Krallers Alptraum
Date: Tue Aug 13 11:43:37 1996
Organization: Leibniz-Rechenzentrum, Muenchen (Germany)

Krallers Alptraum

Sardinengleich aufgereiht liegen 19 schweißverklebte Alpinistenkörper im Massenlager. In Erwartung prächtiger Bergfahrten am folgenden Tag dringt tiefes Schnaufen, der übliche Duft ungewaschener Extremitäten und ab und zu ein leises Stöhnen unter den Decken hervor. In 5 Stunden wird geweckt werden ... Soweit die Realität einer Westalpenhütte.

Normal wäre es nun, daß mehr oder weniger lautes Schnarchen den Raum erfüllt, die Bergsteiger jedoch im Durchschnitt jenes bißchen Ruhe finden, das zum konzentrierten Krallen am nächsten Morgen wünschenswert wäre. Doch weit gefehlt:

In der gleichen Hütte ist nämlich eine Gruppe deutscher Pfadfinder einquartiert. Zwar wurden diese von Seiten der Organisation sorgfältig nach Männchen und Weibchen sortiert und auf zwei eigene Schlafräume verteilt und man möchte meinen, daß 1500 Hm Hüttenaufstieg für die nötige Bettschwere sorgen sollten, doch denkste:

Gekicher, andauerndes Türenschlagen, Taschenlampengeleuchte und Radau aller Arten sorgen für Stimmung bis nach Mitternacht. Zunächst freundliche Aufforderungen zur Ruhe verlagern kurzzeitig die Konversation in den Flüsterton und sorgen dafür, daß jedes laute Geräusch zusätzlich mit 10-fachem "pssst, pssst" quittiert wird.

Ich bin nahe daran, in die Gerätekammer zu gehen und einen meiner frisch für die Nordwand angeschliffenen Peace-Maker heraufzuholen und für Ruhe zu sorgen ... bis mich schließlich bleierne Erschöpfung fortreißt in eine Welt jugendfeindlicher Alpträume.

Die geschilderte Erfahrung ist leider kein Einzelfall. Im Laufe der nächsten Tage fanden wir heraus, daß holländische, englische oder deutsche Jugendliche im Mittel gleich radaufähig sind. Ziehe ich die Erlebnisse auf diversen Ostalpenhütten hinzu, so scheint nächtliche Randale nicht nur die Vorliebe von pubertierenden Jugendlichen zu sein.

Ich möchte ich an dieser Stelle weder das Vorhandensein von (Jugend)gruppen im Gebirge an sich noch die moralische Einstellung von Hüttenwirten die solche Gruppen (bereitwillig) willkommen heißen, pauschal kritisieren. Aber dennoch scheint sich der Konflikt zwischen den Bergen und dem Kommerz in letzter Zeit verschärft zu haben.

Im vergangenen Jahr mußten wir mehrfach die leidvolle Erfahrung machen, bei dem Versuch einer Hüttenreservierung ungefähr folgendes zu hören zu bekommen: "Die Hütte ist belegt, bleibt daheim."

Stellt sich heraus, daß Grund für die überfüllung eine Gruppe von Spaziergängern ist, die nur für eine Nacht aufgestiegen ist, um sich kollektiv zu besaufen und anschließend für Unruhe zu sorgen, so ist dies bitter.

Und noch bitterer ist es, einen Werbeprospekt einer lokalen Bergsteigerschule in die Hände zu bekommen, in welchem ein sündteures Vollpensions-Crashkurs Kombipaket angeboten wird. Die Personalunion aus Hüttenwirt und Bergführer macht es möglich. Auf eben jener Hütte war uns telefonisch erklärt worden, daß die Hütte für mehrere Wochen ausgebucht sei und daß es auch unerwünscht sei, wenn wir vor der überfüllten Hütte biwakieren würden.

Soll es soweit kommen, daß Hütten Jahre im voraus gebucht werden müssen? Gerade in den Bergen, wo alle Aktivitäten buchstäblich mit dem Wetter stehen und fallen, halte ich dies für den falschen Ansatz. Sind wir bald so weit, daß wir uns Platzkartensysteme für die beliebtesten Alpengipfel ausdenken müssen?

Auf einem Gipfelkreuz in den nördlichen Kalkalpen fand ich folgenden Satz eingeritzt: "Tirol den Tirolern!"

Gerade im entsprechenden historischen Kontext kann ich ein derartiges Statement nicht befürworten, aber glaube die Frustration nachvollziehen zu können, aus welcher heraus dieser Satz eingeritzt wurde. Es scheint dies der hoffnungslose Aufschrei eines Gebirglers zu sein, der sein "Es kommen einfach zu viele!" auf die Scharen von Wanderern, Alpinisten, oder Durchreisenden herabbrüllt.

Was ist Eure Meinung dazu?

Seil aus, Peter

redaktionell bearbeitet by Th. Frank und Andreas Froede, 4. September 1996