Knoblauch, Silberfäden und Colodri

From: Peter Scheubert (ps)
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Date: 07.06.2004 09:06

Knoblauch, Silberfäden und Colodri

Von Peter Scheubert

"Kann man eigentlich im Rückspiegel riechen, wie sehr es im nachfolgenden Auto nach Knoblauch stinkt?"

Ed wirft mir einen entgeisterten Blick zu, ich überhole den bis unter das Dach vollgeladenen fürstenfeldbrucker Man-spricht-Deutsch-Passat. Seine Fahrerin hatte uns offenbar im Rückspiegel gerochen und sich vorsichtshalber wieder auf die rechte Spur hinter jenen Lastwagen in Deckung geflüchtet, den sie eigentlich zu überholen gedachte.

Während Ed langsam den Hintergrund meiner Frage begreift, sind wir schon einige Kilometer weiter geholpert. Brennerautobahn, regelmäßiges Bodunk-Bodunk der vom Schwerlastverkehr verformten Brücken. Die rechte Spur ist vollgepackt mit Lastwagen, welche italienisches Mineralwasser nach Deutschland schaffen, links daneben stapeln sich deutschsprachige Urlauber. Italien atmet auf, der Ausnahmezustand normalisiert sich. Wir sind, zusammen mit allen anderen auf dem Heimweg aus dem deutschen Ghetto am Nordende des Gardasees.

Wenn ich mich nicht gerade darüber aufregen muss, dass der Deutsche an sich und der deutsche Urlauber erst recht nicht Auto fahren kann, diskutieren wir über ein pikantes Themengebiet: Geruch.

Die ganze Fahrt lang schon beackern wir dieses eine Thema in allen denkbaren Facetten, versuchen die Traumata der vergangenen Tage aufzuarbeiten. Die Thematik Alpinismus und Körperhygiene durchgeistert ja an diversen Stellen die Fachliteratur. Sportklettern und Stinken sind andererseits zwei Dinge, die nicht unbedingt zusammengehören. Nachdem wir in den vergangenen Tagen genau wegen dieses Punktes in eine böse Falle getappt sind, besteht Diskussionsbedarf.

Aufgebracht hatte die Thematik Ed mit jenem Schnäppchen, das er vor einiger Zeit in einem der vielen Sportgeschäfte in Arco erstanden hatte: Ein Hemd mit eingewebten Silberfäden. Das Silber oder die Silberionen sollten das Wachstum von Bakterien verhindern und so unangenehmem Körpergeruch vorbeugen. In der Theorie eine prima Sache, aber anscheinend nicht so recht der rechte Verkaufsschlager bei den täglich warmduschenden Gestalten, die heutzutage die einschlägigen Campingplätze bevölkern. Das innovative Stückchen Stoff war deshalb drastisch heruntergesetzt. Ed hatte investiert und wollte natürlich den Fummel schnellstmöglich in der Praxis testen.

Wir waren dank der großzügigen Anordnung der deutschen Feiertage vor kurzem schon einmal in Arco gewesen, um bereits in den Aufwärmtouren feststellen zu müssen, dass vom einstmals vorhandenen Hubraum in den Oberarmen nicht viel den Winter überlebt hatte.

Während der vier Tage hatte das Silberfäden-Wunderhemdchen einwandfrei jeden in den Südwänden vergossenen Angstschweisstropfen klaglos weggeschluckt und war zur Fortsetzung des Tests daheim nur ausgelüftet worden. Beim diesmaligen Ausflug sollten also die Grenzen seiner Belastbarkeit ausgelotet werden.

Eigentlich hätte besagter Test ja ganz woanders stattfinden sollen, zum Beispiel in den einsamen Höhen der nördlichen Kalkalpen. Die in diesem Frühsommer 38. von Nordwesten hereindrückende Kaltfront ließ uns jedoch umdisponieren. Wir entschieden uns für das tief gelegene Arco, um alle jene Touren aufzuarbeiten, die beim letzten Mal liegen geblieben waren. Leider verliefen die Vorbereitungen leicht unkoordiniert, so dass wir schließlich gute fünf Kilo Zwiebeln und Knoblauch, ein Zwillingsseil als auch ein Doppelseil, einen halben Kubikmeter Klimperzeug, zwei gusseiserne Woks aber zum Beispiel keinen Schlafsack für mich dabei hatten.

Um die Unmengen an Zwiebeln und Knoblauch nicht wieder reimportieren zu müssen, begannen wir gleich am ersten Abend das Zeug niederzuessen, was wir am darauf folgenden Abend bitter bereuen sollten, aber dazu später.

Um innerlich die Verarbeitung des Nachtmahls zu erleichtern, löschten wir die Mischung aus Knoblauch, Olivenöl und Nudeln mit ausreichenden Mengen Rotwein ab und als ich mich schließlich in jene ranzige Pferdedecke kuschelte, die zufällig noch im Auto zu finden gewesen war, fiel mir noch für einen Moment unangenehm auf, wie verdächtig ruhig es auf dem Campingplatz rundherum war. Ich meinte noch zu Ed, dass hier doch früher in unserer Strum-und-Drang-Zeit so richtig kräftig gesoffen und gegrölt worden sei, kann mich aber nicht mehr an seine Antwort erinnern und fiel schließlich in ein Aglio-Vino-Koma.

Der nächste Morgen weckte uns mit einer Überdosis Sonnenlicht und dem Gefühl, einen 10er Hexentric verschluckt zu haben. Nichts desto trotz kauften wir der sichtlich angeekelt "Buongiorno" herauswürgenden Ladenhüterin einen Liter Milch ab und warfen uns die übliche Dosis Müsli ein. Dann stand Schonprogramm für die schlappen Fingerchen an, ein Klassiker an der Ostwand des Colodri.

Am zweiten Standplatz dann das große Hallo, wir trafen alte Bekannte: Monsterchen und Krümelchen. Wir hatten das durchgeknallte Pärchen schon beim letzten Mal kennengelernt, auch am Colodri in einer klassischen Mehrseillängenroute. Beide stammten aus Brixen in Südtirol, kletterten seit einem Jahr und hakten aktuell alle Klassiker bis zum siebten Grad ab, nach dem Motto: "Wir klettern noch nicht lange und haben deshalb viel weniger von dem teuren Klimperzeug am Gurt, und sind deswegen leichter und schneller als ihr!" Monsterchen war eine hochmotivierte Klettermaus und durchaus knusprig anzusehen. Sie hatte ein anderes freches Oberteil an, ebenfalls neckisch geschnitten, diesmal in weiß. Wie sie wirklich heißt, wissen wir leider nicht. Ihren leicht verschreckt dreinschauenden Lebensgefährten und Kletterpartner jedenfalls nannte sie Krümelchen, Nomen est Omen. Der arme Kerl sah drein, als hätte er nichts zu lachen, weder im richtigen Leben und erst recht nicht in der Wand. Infolge dessen wurde Krümelchen auch flugs die gruselig aussehende Schlüssellänge hochgeschickt, zitterte und fluchte sich zum Stand am Rosenstrauch nach oben, um Monsterchen dann pflichtbewusst mit kräftigem Seilzug nachzuziehen. Als sie oben angekommen war, musste er sich zur Belohnung einen Anschiss anhören, wie toll diese Länge gewesen sei und dass sie diese gerne vorgestiegen wäre.

Da sowohl Monsterchen als auch Krümelchen eher hart im nehmen zu sein schienen, störten sie sich nicht an der sichtlich extremen Geruchsmischung aus Knoblauch und langsam aber sicher versagenden Silberfäden, die uns umgeben haben muss. So hatten wir bis zur Ausstiegsverschneidung viel Spass miteinander.

Am Gipfel dann trennten sich unsere Wege, wir hielten ein kurzes Pläuschchen mit einem allgäuer Oberarmmutanten, der aus einer anderen Tour herausgekrochen kam und sich beschwerte, wie speckig jener Klassiker geworden sei. Er habe ihn vor 20 Jahren mit dem selben Kletterkumpel auch schon mal geklettert, da sei alles besser gewesen, die Felsqualität, die Gurkis, die Bundesregierung, das Zeug das es zu rauchen gegeben hätte und überhaupt. Heute habe er anziehen müssen wie die Sau um seinen Hintern über die Schlüsselstelle zu wuchten, er käme sich vor, als würde er alt werden. Wir konnten es uns bildhaft vorstellen, schließlich war es uns in unserer Tour auch nicht viel besser ergangen und so sagten wir verständnisvoll "Tschüss" und schwangen uns sandalenbewährt den Klettersteig vom Colodri hinunter.

Die notorisch doofen Sprüche der norddeutschen Abenteuerurlauber die sich routinemäßig über unser Schuhwerk aufregten, ignorierten wir mit abgeklärter Gelassenheit und lässigen Free-Solo-Überholmanövern.

Dann im unteren Drittel des Steigs die Katastrophe: Ein Trupp von sechs frisch geduscht riechenden Mädels kam uns entgegengeklimpert. Während wir die Karawane in beschaulicher Ruhe an uns vorbeiziehen lassen wollten, meint Ed plötzlich: "Ich kenne dich doch. Du bist die Schwester von Petra!"

Eine knusprige Schönheit starrte uns entgeistert an. Sie war in der Tat die Zwillingsschwester einer Arbeitskollegin von Ed. Offenbar in der Stresssituation des drohenden Abgrundes realisierten die Mädels nicht das volle Ausmaß unseres Eigengeruchs, so dass es uns gelang eine lose Verabredung für die Windbar in Torbole herauszuhandeln. Dann trennten sich unsere Wege, sie klickten sich weiter zum Gipfel und wir stolperten zu Tal.

Schon während des Abstiegs wurde uns klar, dass wir bei der Vorbereitung des Urlaubs mehrere strategische Fehler begangen hatten. Zwar hatten wir Kletterausrüstung in ausreichender Menge für eine Bigwall dabei, aber elementare Dinge wie Rasierapparat, Mundwasser oder eine Jeans zum Abends ausgehen fehlten. Auch Eds Silberionen-Fummel war nach weiteren 10 schweißtreibenden Seillängen nicht unbedingt das ideale Outfit. Im Prinzip hatten wir in diesem Moment schon verloren, auch wenn wir beschlossen, nur die halbe Menge des für heute eingeplanten Knoblauchs einzuwerfen.

Stunden später dann in der Windbar wollten wir den Erfolg unserer Restaurierungsbemühungen testen. Der Schuppen stellte sich als die Szenekneipe heraus, überfüllt bis in die Mitte der Durchgangsstraße. Im Keller spielte ein italienischer Rasterlockensimulant Bob Marley und kaum hatten wir uns eine Stunde lang angestellt, schon hielten wir unseren überteuerten aber dafür nach Tetra-Pack schmeckenden Wein in der Hand. Von den Mädels keine Spur, also trat Plan B in Kraft. Ed hatte in weiser Voraussicht von seiner Arbeitskollegin Petra die Telefonnummer der Schwester namens Katja organisiert. Als uns das lärmige Treiben in der Windbar, die im Original Winds-Bar hieß, schließlich zu blöd wurde und wir drohten, in die Erinnerungen der guten alten Zeiten abzustürzen, kam endlich die erlösende SMS. "Sitzen hier auf der Terrasse (Villa Ombrosa) in Riva, kommt doch vorbei."

Die Falle war zugeschnappt, nun gab es kein Entkommen mehr. Der Tag neigte sich dem Ende, ebenso die Aufnahmefähigkeit des Silberionenfummels und meines herkömmlichen Baumwoll-T-Shirts. Wir fuhren nach Riva und machten uns auf die Suche nach der Villa Ombrosa. Wieweit der Knoblauchgeruch des Vorabends zu diesem Zeitpunkt schon abgeklungen war, lässt sich schwer abschätzen. Ich erinnere mich nur noch an den enttäuschten Blick unserer sechs Mädels, die offenbar jemanden anderen, zum Beispiel einen frisch geduschten Brad Pitt oder zumindest weiteren Nachschub an trinkbarem Rotwein erwartet hatten. Zu unserer Enttäuschung hingegen waren zusätzlich zu den mittlerweile schon mehr oder weniger stark durch den bisherigen Verlauf des Gelages angeschlagenen Mädels noch die gleiche Anzahl von zugehörigen Jungs vorhanden. Auch von deren Seite waren die Blicke eher skeptisch. Einzig besagte Katja sah scheinbar über unser trostloses äußeres Erscheinungs- und Geruchsbild hinweg und veranstaltete den ganzen restlichen Abend lang brav Smalltalk mit uns.

Es dauerte nicht lange, bis ein starker Drang mich in die innere Immigration trieb. Ich nickte unserer Gesprächspartnerin glückselig lächelnd zu, während ich heimlich von griffigen Piazrissen träumte. In rotweinseligem Redefluss erklärte Katja, dass sie immer alle Klamotten mit in den Urlaub nehme. Man könne ja nicht wissen, was denn so passiere. Vielleicht lerne man ja jemanden interessanten kennen. (Wir waren sicherlich nicht damit gemeint.) Da helfe es nur, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Überhaupt könne sie sich nicht mehr vorstellen mit ihren 24 Jahren nochmals in einem Zelt zu übernachten oder das Abendessen am Boden zuzubereiten. Für gewisse Dinge fühle sie sich einfach zu alt. Sie habe ernsthaft darüber nachgedacht, im Fitnesstudio jenen Problemzonengymnastikkurs zu belegen, den alle ihre Freundinnen so warm empfehlen würden.

Ja, das mit dem Klettern sei so eine Idee gewesen, mal ein bisschen Schwung in die Bude zu bringen. Sie Mädels seien etwas abgeschlafft in den letzten Jahren. Außerdem wenn die Jungs Abends vom Biken heimkämen und mit ihren tausenden von Höhenmetern prahlten, wollten sie doch auch etwas zu erzählen haben. Daraufhin hätten sie sich allesamt total unschwäbisch spontan Klettersteigausrüstung gekauft oder geliehen und seien den Colodri angegangen. Ein großes Abenteuer, auf welches sie nun mächtig stolz seien.

Nach ungefähr einer Stunde angeregten Monologisierens kam dann Katja tatsächlich auf die Idee, uns etwas von jenem tollem ALDI-Rotwein anzubieten, welchen sie von Stuttgart hierher mitgebracht hatten. Wir nahmen dankend an, in der vergeblichen Hoffnung irgendeine Art von Wahrheit in der Brühe zu finden.

Ich blieb bei guter Laune, indem ich die heute kennengelernte traumhafte 65-Meter-Verschneidung im Geiste wieder und wieder hochzog und die bei jedem Versuch eleganter wurde.

Die den Mädels zugehörigen Jungs lallten irgendetwas von 2000, 2500 und schließlich 3000 Höhenmetern und schwankten dann ziemlich sang und klanglos von der Terrasse in Richtung der Schlafstätten. In vergleichsweise nüchterner Schadenfreude wünschten wir ihnen am nächsten Tag eine ordentlich aufs Hirn brennende Sonne und ausreichend fiese Steigungen.

Zu fortgeschrittener Stunde dann legte eines der verbliebenen Mädels eine CD mit deutschen Schlagern ein, in der Absicht die gesamte Ferienanlage an ihrer Lieblingsmusik teilhaben zu lassen.

Während Ed den Vorstieg übernommen hatte und den Smalltalk mit Katja fortsetzte, stürzte mein Geist ab in jenen unergründlichen Abgrund tiefgreifender Erkenntnis oder schlichter Übermüdung.

Zwei Kulturen waren hier aufeinandergeprallt, die Mädels und wir stammten aus unterschiedlichen Welten. Vielleicht war es einfach auch der banale Zusammenstoß zweier Geruchsnoten. Da half es auch nicht, die netten Jungen zu simulieren und den Hauptgrund unseres Ausflugs, nämlich das Wir-wollen-nur-das-eine-nämlich-klettern hinter einer schlecht sitzenden Maske des Partylöwen zu verstecken.

Ich fand, dass es mir nicht zustand in jener Mischung aus müder Unzurechnungsfähigkeit und Beschwipstheit über die Vor- und Nachteile von Zeltplätzen, Ferienwohnungen oder gebohrten Zwischenhaken zu urteilen. Auch über den Kampf gegen den internationalen Terrorismus hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr diskutieren wollen. Falsch oder richtig waren hier eine Frage der individuellen Vorlieben. Ob nun lange Fingernägel und wohlriechende, saubere Klamotten effektiver zum Zentrum des eigenen Seins führen würden, als ein schweißgebadeter Horrortrip an den Rand der psychischen Belastbarkeit irgendwo im senkrechten Fels?

Die Antwort gab mir mein knoblauchgefülltes Inneres. Dies war kein Biwakplatz, kein Basislager, kein rauchiges Lagerfeuer und auch kein miefiger Winterraum. Die mit verklärtem Blick vorgetragenen Nordwandgeschichten brachten uns ungefähr genausoweit, wie über die Schönheit von zahlentheortischen Sätzen zu schwärmen. Wir waren am falschen Platz zur falschen Zeit ausgerüstet mit den falschen Klamotten. Es war Zeit zum geordneten Rückzug, worin wir Meister sind.

Bevor der Abend in die absolute Katastrophe abglitt verabschiedeten wir uns, logen etwas von 25 harten Seillängen am nächsten Tag und seilten uns ab, nicht ohne uns inkonsequenterweise lose für den nächsten Abend in der Windbar zu verabreden.

Der folgende Tag in der sonnendurchglühten Ostwand ist nicht der Rede Wert. Vom Smalltalk bekommt man jedenfalls keine Übung im An-abgespeckten-Griffen-anziehen-wie-die-Sau. Und spät ins Bett gehen ist weder förderlich für meinen Gleichgewichtssinn noch für die Moral.

Den Abend sollten wir dann zunächst mit teurem aber lokalem Rotwein und dem restlichen Knoblauch auf unserem Campingplatz verbringen und zwar ohne störende weibliche Gesellschaft. Als dann gegen 0:45 die erlösende SMS kam "Sind jetzt in der Windbar, wollt ihr vorbeikommen?" waren wir schon längst vor unserem Zelt eingeschlafen, glückselig einige Hexentrics streichelnd und von griffigen, rauhen Piazrissen träumend. Vielleicht würden wir ja am nächsten Morgen wieder Monsterchen und Krümelchen treffen.

Der Rest des Kurzurlaubs verlief unspektakulär. Die Mädels hatten uns zwei Dinge offenbar nicht verziehen: Das nächtliche Nichterscheinen in der Windbar und den miefigen Auftritt am Vorabend. Alle Wiedergutmachungsversuche per SMS scheiterten. Auch das Angebot anstatt Klettersteig einmal echten Fels zu bearbeiten wurde ignoriert.

So lagen wir denn auch am folgenden Abend wieder vor unserem Zelt, um glückselig in den Erinnerungen an die Sturm-und-Drang-Zeit zu schwelgen, in welcher ja alles ganz anders und viel besser gewesen sei. Wir hätten noch grobe Touren geklettert, damals mit höchstes zwei russischen Klemmkeilen am Gurt, abgesägten Zahnbürsten, Lederstiefeln und jeder Menge Motivation, so wie Krümelchen und Monsterchen ungefähr. Und Abends sei kräftig gesoffen und gegrölt worden. Das wären noch Zeiten gewesen, als die Männer nach Mann rochen und die Mädels froh drüber waren.

Ohne weitere gesellschaftliche Verpflichtungen erlebten wir einen ausgesprochen erholsamen Abend, einzig etwas störend war der oberbayrische Sauftrupp zwei Zelte weiter, der allerdings von protestierenden Nachbarn und der Aufsicht des Campingplatzes zum Abschalten des Ghettoblasters bewegt wurde. Den Rest erledigte dann anscheinend deren mitgebrachter ALDI-Wein. In erstaunlich schneller Zeit war Frieden, ich konnte mich im meine Pferdedecke kuscheln und ungestört von Bierhenkeln und griffigen Verschneidungen träumen.

Peter Scheubert, 6/2004


redaktionell bearbeitet by Th. Frank , 12. Juni 2004