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Der Sinn des Kletterns -- Impressionen aus Arco (Satire) ![]()
Es gibt Momente, da wird uns die Sinnlosigkeit unseres Tuns schlagartig bewußt. Derartige Augenblicke mögen selten sein, doch es gibt sie. Manchmal treffen sie uns -- ähnlich einem Hexenschuß -- gerade dann, wenn wir es am wenigsten erwartet hätten, bei jenen Tätigkeiten nämlich, von welchen wir behaupten, daß sie uns in tiefster Seele erfüllen würden.
Ein konkretes Beispiel: Ich hänge im oberen Drittel der 8. Seillänge eines bekannten Klassikers an den Sonnenplatten. Die Tour ist so abgrundtief klassisch, daß die Hunderschaften von vorangegangenen Begehern die badewannenartige Rinne, in welcher ich mich mit Einsatz aller Körperteile hochschmiere, blitzeblank ausgescheuert haben. Man könnte bedenkenlos vom Boden, d.h. vom Fels essen oder einschlägige Werbefilme hier abdrehen.
Vom letzten Standplatz herauf schallt eine Arie aus Wagners fliegendem Holländer, allerdings etwas entstellt durch das Fehlen der Orchesterbegleitung. Mein Seilpartner scheint sich zu langweilen: "` ... Die Frist ist um, und abermals verstrichen sind sieben Jahr', voll überdruß wirft mich der Berg zu Tal ... "'
Ich erreiche einen Bohrhaken aus welscher Produktion, hänge eine Expreßschlinge ein, um kurz zu verschnaufen und innezuhalten. Frevelhafte Gedanken durchziehen mein Hirn: Was tue ich hier eigentlich? Die Sonne scheint nicht mehr in die Wand, ein widerwärtig kalter Wind kam auf und heute Abend gibt's zur Abwechslung wieder einmal Nudeln und anschließend eine Nacht im feuchten Zelt. Mahlzeit.
Mein Blick schweift nach oben, dorthin, von wo in unregelmäßigen Abständen Steine unterschiedlichen Kalibers heruntergeschossen kommen. Dorthin also wollen wir. Schließlich reiße ich mich zusammen und klettere weiter. Die Sinnfrage will jedoch nicht aus meinem Hirn verschwinden. Die von unten heraufschallenden Bruchstücke stimulieren meine Phantasie: "` ... Dein Trotz ist beugsam, doch ewig meine Qual ... "' Ich komme mir vor wie ein drittklassiger Statist in einer mittelmäßigen Tragikomödie. Wir kriechen hier ein Abflußrohr hoch, um endlich ausgefroren oben angekommen, die engen Kletterschuhe gegen Sandalen zu vertauschen und anschließend einen losen Geröllhaufen wieder hinunterzukriechen. Pervers. Widernatürlich. Sinnlos. Wozu das ganze? Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das ich vor einigen Jahren auf dem Münchner Oktoberfest gehabt hatte:
Ich stand vor einer jener verzinkten Blechrinnen, um all die in den vergangenen Stunden zu mir genommene Flüssigkeit wieder Mutter Erdes Wasserkreislauf zuzuführen. Mein Nachbar zur Linken (offenbar ein Einheimischer), der sich zum selben Zweck an jenem Orte eingefunden hatte, seufzte deutlich hörbar und meinte dann zu mir: "` 's is a Jammer! Der ewige Kreislauf: Erst drinkt ma des guade Bier, und nachad kummt's wieda 'raus!"'
Wie recht hatte jener Münchner Latrinenphilosoph gehabt! Der ewige Kreislauf: Aufsteigen, absteigen, hinaufklettern, abseilen. Wertvolle Kalorien in potentielle Energie verwandeln, um dann unter erneutem Kraftaufwand wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren und die potentielle Energie in Muskelkater umzuwandeln. Wo war der Sinn hinter alledem?
Gedankenverloren hatte ich den den nächsten Standplatz erreicht. Ich verband die -- im Vergleich zu den aus heimischen Gefilden bekannten Ringhaken -- etwas wurmstichig aussehenden Bohrhaken mit einer Bandschlinge. Mein nach unten gerufenes "`Nachkommen!"' wurde mit "` ... Doch ach! Den Tod, ich fand ihn nicht! ..."' quittiert. Während ich langsam das Seil einziehe und der Gesang meines Kameraden aus unerklärlichen Gründen mehrfach unterbrochen wird, fällt mein Blick nach unten, wo ein leuchtend rotes "`H"' einen Hubschrauberlandeplatz bezeichnet.
Dies ist auch schon die nächste Perversität dieser Sportart: Die Gratwanderung zwischen Risiko und Sicherheit. Ich selbst würde mich nicht als Sportkletterer bezeichnen. Mein Interesse hatte eigentlich schon immer den alpineren Touren gegolten. Eigentlich mische ich mich nur aus Trainingsgründen unter jenes -- bunt gekleidete, in der Regel jedoch zustiegsfaule -- Völkchen der Sportkletterer. Trotz meiner Vorliebe für echten Fels, schätze ich solide, eingebohrte Haken. Als Betreiber eines Sportes, dessen Reiz in der Gefahr des Absturzes liegt, schwöre ich auf zuverlässige Sicherungspunkte. Inkonsequent.
Mein Kamerad ist mittlerweile in Sichtweite heraufgekommen. Mit gewisser Genugtuung beobachte ich, wie er -- mehr oder weniger derbe Flüche ausstoßend -- sich mit roher Gewalt die Rinne hochwuchtet und sich dabei auch nicht wesentlich besser anstellt, als ich. Am Standplatz abgekommen turnt er an mir vorbei und meint nur kurz: "`Noch vier Seillängen, so steht es zumindest im Führer."'
Dabei huscht der Anflug eines Lächelns über sein Gesicht. Während er vorsteigt, schweifen meine Gedanken in die Ferne. Heute Abend bei einer gehörigen Portion Nudeln und einigen Gläsern Rotwein wird seliges Vergessen über uns kommen. Ist erst die Dunkelheit hereingebrochen, wird im flackernden Kerzenschein die überstandene Tour zur Heldentat erklärt werden.
Und wenn wir erst beide mit verklärtem Blick am nächsten Morgen in gebührendem Abstand vor der Wand stehen, werden wir mit dem Finger nach oben deuten und zueinander sagen: "`Die Rinne dort oben, das war die Super-Tour von gestern! Und was gehen wir heute an?"'
Doch wieder reißt mich die Realität aus meinen Gedanken, ich höre meinen Kameraden, der inzwischen um eine Ecke herum entschwunden ist: "` ... Vergeb'ne Hoffnung! Furchbar eitler Wahn! Um rauhen Fels auf Erden ist's getan! ..."'
Peter
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