Landschaftlich schön... (Satire)

From: kabs@physik.uni-kl.de (Daniel Kabs)
Newsgroups: de.rec.alpinismus
Subject: Landschaftlich schoen...
Date: Sat, 22 Jul 1995 19:07:48 GMT
Organization: University of Kaiserslautern, Germany

Landschaftlich schön...

Mein Freund ist Alpinist. Und weil ich immer nur an den Fingerloechern der Fraenkischen Schweiz haenge, meint er, mir entgehe etwas ganz we- sentliches: Das grosse Abenteuer. Das ganzheitliche, unvergessliche Erlebnis. Das stolze Gefuehl, eine grosse Linie durchstiegen zu haben. Die Harmonie mit der Natur. Der weite Blick vom Gipfel auf ein Meer von Gipfeln.

Er hat auch schon die passende Tour fuer meine Bekehrung ausgesucht: "Landschaftlich sehr schoen, eine grosse Bergfahrt" ist im Fuehrer zu lesen.

Am naechsten Wochenende haemmert der Alpinist um drei Uhr morgens an meine Tuer, packt meinen Rucksack und mich und wirft beides ins Auto. Durch den sechstuendigen Anmarsch sind wir schon gut aufgewaermt, als wir vor unserer Wand stehen. Nur ein bisschen geriffeltes Gelaende trennt uns noch von der feinen Risslinie, die pfeilgerade zum Gipfel hinaufzieht. "Da muss man doch einfach hinauf!", jubelt mein Freund. Leichtfuessig wie eine Gemse huscht er einen hochkant gestellten steinigen Acker hinauf, wobei er etwas von "alpiner Erfahrung" mur- melt und der Acker auf mich herabstroemt. Ich schaufle mich aus dem Kegel und ziehe einen huefttiefen Graben bis zum Standplatz an einem soliden Ringhaken, der an einem Edelweiss festgebunden ist. Bei den folgenden 28 Seillaengen durch schwankende Stapel von hausgrossen Fels- bloecken und ueberhaengende Almweiden ohne Kuehe Ueberlasse ich ihm freiwillig die Fuehrung, was mich zum Tragen des Rucksacks verpflichtet. Gut, dass wir nur das Noetigste mitgenommen haben: Steigeisen, feste Bergstiefel, Firngleiter, Pickel, Eisschrauben, Skistoecke, Kochtopf, Kocher, Biwacksack, 3 Liter Wasser, Essen fuer drei Tage, einen Blitz- schutzsack, Signalraketen, das Tourenbuch, das botanische und faunische Bestimmungsbuch und mehrere geologisch interessante Felsen, die mein naturverbundener Freund unterwegs aufgelesen hat. Um Gewicht zu sparen haben wir die Zahnbuersten gekuerzt.

Und nun, in der 29. Seillaenge, stehen wir vor ihr, jener grossartigen Linie, die wie ein feiner Riss ausgesehen hat - einem schwarzen Schlund. Sofort stuerzt sich der Alpinist kopfueber hinein und bleibt stecken. Nun atmet er aus, wird laenger, duenner und schiebt saemtliche Koerper- teile nach oben, bis er drei Zentimeter Hoehe gewonnen hat. Dann ist jeder der an ihm haengenden Hexentrics, Friends und Haken eingerastet. Beim Biwak singen wir "Wenn wir erklimmen" und es ist sehr romantisch. Wir drinnen im Kamin, festgepresst an den Busen der Natur, die Sterne draussen, unsichtbar, unerreichbar.

Am Morgen pickele ich das Eisenzeug und den Alpinisten heraus. Dieser rudert hoeher und wickelt sich elegant um ein paar Klemmbloecke, bis er einen feststeckenden Helm findet, an dem er Stand macht. Es folgt die beruehmte 30. SL, "eine herrlich ausgesetzte, luftige Kletterei" im Spreizkamin, durch den ein Wasserfall auf uns herabstuerzt. Und erst die "elegante Plattenkletterei"! Zwischen den Algen finde ich endlich einen gruenen, knubbeligen Griff. Als er laut quakend davon- huepft, gelingt es mir, das Bein eines Murmeltiers zu angeln. Es pfeift empoert, als ich ihm die Moosschicht abwische, um die Felssplitter darunter freizulegen. Auf dem Schneefeld unterm Gipfel warten wir, bis der Hagelsturm aufhoert und die Lawinen nur noch alle fuenf Minuten an uns vorbeirauschen, dann stuerzt mein Freund freudig auf das Gipfelkreuz zu, kritzelt hastig etwas ins Tourenbuch und schiesst wie eine Kanonenkugel die Schutthalden auf der anderen Bergseite hinunter.

Spaeter kaufe ich ein Panorama vom Hinteren Wamperten Brochkogelschrofen. Die Aussicht muss wirklich sehr schoen gewesen sein.

Irmard Braun (abgetippt aus Rotpunkt 1/95)

redaktionell bearbeitet by Th. Frank , 5. Oktober 1995