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Das Tal der Dornen ![]()
Was ich persönlich am Klettern schätze, ist die angenehme Abwechslung von Stress und Entspannung. Nach einer anstrengenden Seillänge im Vorstieg folgt eine Erholungspause am Standplatz, die Zeit lässt für eine Vielzahl von Aktivitäten: Landschaft anschauen, knackige junge Damen in den Nachbarrouten beobachten (ein selten erfüllter Wunschtraum) oder in meinem konkreten Fall die vom Zustieg verbliebenen Dornenreste aus der rechten Hand zu entfernen. Es ist ein guter Standplatz, auf einem kleinen Absatz lässt es sich bequem stehen, mittlerweile angstfrei, weil mein Kamerad Phil gestern unfreiwillig einen Fixfriend an dieser Stelle installiert hat und ich deshalb auf den wurmstichigen Rosenstrauch verzichten kann, der eigentlich als Stand hier vorgesehen ist.
Es ist eine wilde Gegend, dieses Tal der Dornen, dennoch oder gerade deshalb bin ich zum zweiten Mal freiwillig hier und begehe zum was weiss ich nicht wievielten Male diesen einen ultimativen Klassiker. Vor mir zieht jene berühmte Rissseillänge nach welcher die Tour benannt ist, scheinbar nach oben in die Unendlichkeit des Himmels. Während ich langsam das Seil einziehe und darüber nachgrüble, wie Gaby --wohl mit einem halben Meter weniger Spannweite als ich-- die 7- Stelle angehen wird, raschelt es im Laub, das sich in diesem Teil des Risses angesammelt hat, und ein Tier kriecht hervor. Zwei Knopfaugen und eine kleine Schnauze schauen mir entgegen. Erst dachte ich, es handle sich um eine Ratte, dann aber sehe ich den buschigen, fellbesetzten Schwanz. Was ist das für ein Vieh, vielleicht ein Siebenschläfer? Behutsam ziehe ich das Seil ein, doch das Tier lässt sich nicht stören, sondern beobachtet anscheinend neugierig, was ich hier treibe. Was wohl für Gedanken nun durch sein kleines Hirn gehen?
"Bist Du einer von den beiden Idioten, die mir dieses blöde Blechding in meinen Hauseingang gesetzt haben? Es ist immer das gleiche mit euch, immer bei schönem Wetter kommt ihr scharenweise heraufgetrampelt, baut irgendwelche furchterregenden Eisenteile in meine Haustür ein, und brüllt 'Massimo, cupero!' in der Gegend herum und verschwindet dann wieder. Normalerweise nehmt ihr ja euren Schrott wieder mit, aber dieses blöde Ding steckt da ja nun schon zwei Tage und jedes Mal wenn ich zur Toilette will, muss ich drüberklettern! Könnt ihr euren Müll nicht wieder mitnehmen, gefälligst? Ihr seid schon eine komische Tierart, ihr Zweibeiner!"
Ich muss dem kleinen Nager recht geben, Kletterer sind ein seltsames Völkchen. Leider habe ich gerade keine Kekse als Schadensersatz da, die ich dem felligen Free-Solo Kollegen anbieten könnte als Kompensation für die Verunstaltung seines Lebensraumes. Ich nehme mir fest vor, bei der nächsten Begehung dieser Tour daran zu denken. Nachdem ich ihm leider nichts Fressbares anbieten kann und anscheinend meine Sicherungsaktivitäten nicht interessant genug sind, verschwindet das fellige Wesen wieder in seiner Felsspalte und wühlt sich geräuschvoll ins Laub hinein. Schade eigentlich, ich hätte gerne Gaby noch gezeigt, wer hier wohnt.
Während ich die Reste des Seiles einziehe, schweifen meine Gedanken wieder in die Ferne, d.h. eine Seillänge nach oben, wo mir eine Passage schon bei den vorherigen Begehungen ordentlichen Respekt eingeflösst hat. Die Stelle ist nicht selbst abzusichern, der einzige Trost des Vorsteigers ist der bombenfest sitzende 12er Hexentric, den man 5 Meter unterhalb anbringen kann. Die ehemals vorhandenen Bohrhaken sind wieder entfernt worden, ebenso, wie an den Ständen. Auch hier wütet anscheinend der Bohrhakenkrieg, weiss ich auch nicht, wer hier das Klettergebiet vor wem schützen will. Wollen sich die Einheimischen die Horden von welschen Pläsierkletterern vom Leib halten oder gilt hier der Grundsatz Padanien den Padaniern? Wer es nicht drauf hat, soll ins Kar fallen oder in diesem Fall wohl eher in die Dornen ...
Inzwischen hat Gaby fast den Stand erreicht, wir sortieren unsere Ausrüstung um und ich erzähle ihr, dass wir hier am Standplatz nicht alleine sind. Offenbar war es jedoch keine gute Idee, ein rattenähnliches, 30cm langes Tier zu erwähnen, da sie im folgenden versucht, die als Piazriss gedachte Seillänge unter Verzicht auf den Riss zu begehen (8- ??) und erst durch das nahende Steilstück dazu bewegt werden kann, ihre Finger in den Riss zu stecken. Unter leisem Fluchen platziert sie Friends und Hexentrics um dann nach einigen Minuten ein erlösendes ``Stand'' herunterzurufen. Ich schaue ein letztes Mal in den Riss hinein, um meinem felligen Freund Lebewohl zu sagen. Dummerweise habe ich nicht einmal einen Müsliriegel dabei, sonst würde ich ihm nun ein Stück davon schenken, als Wiedergutmachung für die Störung.
Ich geniesse den Riss meiner Träume und schiebe weit von mir weg den Gedanken, dass unser Leben nun an zwei rostigen Schlaghaken hängt. Es ist richtig beschaulich still, so ganz anders als an Ostern, als unten im Tale brüllende Horden von Padaniern auf den Almwiesen Fussball spielten, verbunden mit einer Geräuschentwicklung, so dass man sein eigenes Fluchen kaum verstand. Nun an Pfingsten ist es deutlich angenehmer, auf den Almwiesen wächst hoch das Gras, es gibt auch keine systematisch angelegte, illegale Zeltkolonie im Talgrund. Irgendwie ist mir dieses Tal ans Herz gewachsen, obwohl es Klemmkeile und andere Ausrüstungsgegenstände zu fressen scheint, man die Routen nur schwerlich findet und von den Dornen beim Zustieg meist so zugerichtet wird, als hätte man 10 Meter Pendelsturz hinter sich. Soviel ist sicher, ich werde wiederkommen, werde diese Tour nochmals begehen, aber definitiv mit Keksen im Chalkbag.
Nachdem ich an Gaby vorbeigeturnt bin und noch einen letzten Blick auf die beiden Schlaghaken geworfen habe, baue ich an ausgewählter Stelle den 12er Hexentric ein und widme mich dann der nach oben hin zunehmend abweisend werdenden Piazstelle. Ein leichtes Ekelgefühl überkommt mich, als ich meine Fussspitzen dorthin platziere, wo zwei rostige Löcher das Ableben der einst hier vorhandenen Bohrhaken verraten. Noch dreimal kräftig angezogen und dann rettet mich auch schon eine unelegante aber effektive Waden-Fussspitzen-Fersen-Kombination aus der Stresssituation. Einige Meter und dann wartet auch schon der als Stand vorgesehene Rosenstrauch auf uns. Was ich am Klettern schätze, ist die angenehme Abwechslung von Stress und Entspannung ...
Peter Scheubert, 06/2001
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