Clariden Nordwand

From: MEYER@ioc.unibe.ch (Meyer Veronika)
Newsgroups: de.rec.alpinismus
Subject: Clariden Nordwand
Date: 26 Mar 97 06:52:41 GMT
Organization: University of Bern, Switzerland

Clariden Nordwand

Ich habe die Clariden-Nordwand 1991 durchstiegen, also vor 6 Jahren, sorry! Das komischste daran war die Vorbereitung. Eine Kollegin und ich hatten uns das Unternehmen in den Kopf gesetzt. Also am Abend vorher bei ihr in Zuerich grosses Fuehrerstudium. Entscheidend sollte der SAC-Fuehrer "Glarneralpen" sein (die vorletzte Auflage). Da standen nun ganz komische Dinge von Felsen usw. drin. Leider hatte ich den Vanis nicht dabei, da ich aus einer Woche im Engadin zurueckkam, aber mir war von daher nichts Felsiges in Erinnerung. Kopfschuetteln und Raetselraten. Schliesslich beschlossen wir, dass die Kollegin noch eine Menge Felszeug mitnehmen wuerde. (Wenn wir zusammen gehen, ist sie fuer den Fels, ich fuers Eis zustaendig.)

Das Ekligste war dann wie erwartet der Zustieg, allerdings eigentlich nicht soo schlimm, aber halt doch heikel - um so heikler, je naeher man dem Eis kommt. Die letzten Meter muss man ein bisschen schleichen. Da waere ich noch beinahe abgestuerzt, weil ein Eisfleck auf den Felsen nachgab. Wir stiegen dann zuerst seilfrei durch guten Trittschnee durch den Trichter hoch. Der Tiefblick ist eindruecklich, weil alle Rinnen im Firn im Trichtergrund verschwinden. Spaeter seilten wir an. Leider war es ein warmer Tag und Anfang Juli, so dass dann statt des erwarteten schoenen Eises nur so feuchtes Zeug herumlag. Nun ja, die Schrauben mussten wir zum Glueck nicht testen. Weiter oben gab es dann feuchten, tiefen Schnee. Dort war es nicht mehr so steil (die Wand hat die "uebliche" angenehme 50-55-Grad-Steilheit) und ich fand es nicht schlimm. Als dann mal die Kollegin zum Stand nachkam, schimpfte sie ueber die schlechte Sicherung und buddelte im Schnee einen Totmann. Wegen diesen Verhaeltnissen stiegen wir das letzte Stueck nicht direkt zum Gipfel sondern kneiften und hielten gegen den NW-Grat zu. Selbstverstaendlich hatten wir das Felszeug vergebens mitgenommen und verwuenschten das Fuehrerbuechlein.

Das Spezielle an der Clariden-Nordwand ist die Tatsache, dass es zwar eine richtige Eiswand ist, aber der Gipfel nur 3267 m hoch ist. Von der Eisauflage her koennte der Berg 1000 m hoeher sein. Das heisst nun, dass Juli eben zu spaet sein kann, wogegen man zu dieser Jahreszeit an einer Viertausender-Eiswand beste Verhaeltnisse haben kann.

Es war eine huebsche, etwas spezielle Eistour. Die Erinnerung moechte ich nicht missen, und ich bin nach wie vor etwas stolz auf unsere Frauenbegehung. (Mit einer anderen Frau habe ich auch die Bluemlisalp-Nordwand durchstiegen, sonst waren wohl immer Maenner meine Partner im Eis.)

Wie die Verhaeltnisse jetzt gerade sind, weiss ich natuerlich nicht. Die Wand sieht ziemlich erschreckend aus, wenn man von der Klausenpassstrasse hochschaut. Ich wuensche alles Gute und viel Vergnuegen.

Veronika, meyer@ioc.unibe.ch

redaktionell bearbeitet by Th. Frank , 13. April 1997