Die mörderische Mordwand

From: ecke@hl.siemens.de (Eckehard Plaettner)
Newsgroups: de.rec.alpinismus
Subject: Die mörderische Mordwand
Date: 28 Nov 1996 11:29:12 +0100
Organization: Siemens AG, Semiconductor Division, Munich

Die mörderische Mordwand

Hi Nordwandaspiranten,

der Jens und der Oliver wollten was vom Eiger wissen:

Also erstmal, ich war mit einem Freund vor 5 Jahren dort und wir sind nur bis zum Todesbiwak gekommen und dann wieder umgekehrt :-( Es gibt also nur eine Beschreibung vom unteren Teil. Ich selbst bin nur im Eis vorgestiegen, also bitte keine Lorbeeren.

Mein Freund Uwe wollte schon laenger da durch, und hatte auch schon den Normalweg erkundet (was fuer den Abstieg sehr zu empfehlen sein soll, siehe Heckmeiers Beschreibung), von dort kann man auch in halber Hoehe in die Wand reinschauen.

Wir waren Ende Juli 91 dort. Hochfahrt mit Auto (Uwe's Frau) und dann Gepaeck bis zur Wiese unter der Wand geschleppt, um die abartigen Bahnpreise zu vermeiden. Dort gezeltet und am Nachmittag den unteren seilfreien Teil bis zum schwierigen Riss erkundet und wieder abgestiegen. Diverses "abgestuerztes" Klettermaterial entdeckt (Rucksack, Schalen von Plastikbergschuhen, Foto, Rucksack... = makaber, was hat der Besitzer ohne Schuhe gemacht??)

Mit Plastikschuhen ist das Gelaende recht unangenehm, weil die Felsen waagerecht bis abwaerts geschichtet sind, es gibt praktisch nie einen "Henkelgriff", was meiner Meinung nach auf den langen Strecken doch auf die Psyche geht.

Am naechsten Morgen ca 4Uhr gestartet, direkt am Beginn der Felsen eine Rissverschneidung III-IV (staun, hier schon schwer?), aber nur 5 Meter lang, kostet aber viel Zeit. Dann die ganzen waagerechten Baender immer hin und her gequert, weil die Durchstiege leider nicht uebereinander liegen. Diese Baender sind meistens ca 2m hoch und bestehen aus vielen duennen Schichten wie Solnhofener Kalkplatten. Obendrauf liegt haufenweise Schutt.

Am schwierigen Riss Seil angelegt, scheisskletterei, weil alles nass war. darueber Seil wieder ab, weils Gelaende wieder leichter wurde, bis zum Hinterstoisser Quergang. Sehr viel Schotter und Schrottgelaende. Die Flueh-Wand bestaunt, glatt, leicht ueberhaengend, beeindruckend, das einzige Gebiet mit festem Fels anscheinend.

Der Quergang war durch ein Seil entschaerft, das nur zur Haelfte von Steinen durchtrennt war, und man haengt ja auch am eigenen Seil. Darueber ist das Schwalbenbiwak oder so aehnlich, die Muellabfuhr war schon laenger in Streik. Platz fuer ca 2 Leute ausreichend, der dritte passt vielleicht noch auf die Coladosen. Insgesamt sieht es aber nicht sehr bequem aus, und der Wind pfeift durch, weil es nach mehreren Seiten offen ist. Dann kam das erste Eisfeld, gutes Eis, aber sehr kurz. Der beruehmte Eisschlauch zum zweiten Eisfeld existierte nicht mehr, dafuer war eine SL dabei mit ekelhaftem abschuessigen, bruechigem Fels mit einem Hauch Eisglasur, zuwenig fuer Steigeisen, zuviel ohne Eisen. Am unteren Rand des zweiten Eisfelds gab es doch tatsaechlich einen festem Felsblock mit zwei Bohrhaken!

Wenn man am Beginn des zweiten Eisfelds steht, kapiert man noch nicht, wie gross das Ding ist. Sieht aus wie ein halbe Stunde spazieren gehen. Leider ist es aber doch recht gross, und auch ziemlich hartes Eis. ca 3SL bis zum oberen Rand, der so weit runtergeschmolzen ist, dass die alten Standplaetze ca 8m ueber dem Rand zu sehen sind, manchmal haengen noch ein paar Schnuersenkel bis runter. An diesem Rand kann man dann eine grosse Linksquerung beginnen, aber auch dort war das Eis sehr hart = sichern!. Wir waren nach ca 8 oder 9 SL am Ende des Eisfelds.

Wir waren nicht sehr schnell und hatten dann viel Spass mit dem Steinschlag, der dort von der Spinne runterkam, das war nachmittags. Der Steinhagel ist vergleichbar mit so drittklassischen Kriegsfilmen, wo rund um die Darsteller alles einschlaegt und kracht und heult, und trotzdem passiert den Leuten nichts. Uns zum Glueck auch nicht, ausser ein paar Treffern auf der Schulter. Wir haben uns dann bis zum Buegeleisen gerettet, indem wir die Pausen des Hagels abgepasst haben. Dort kommt das Todesbiwak, das unter einer ueberhaengenden Wand liegt, ca 1m bis 1.5 m breites Band, gut zum liegen geeignet. (Duefte aber im Winter voll Schnee sein!). Allerdings nach Nordwesten offen, d.h. bei Regen usw. kriegt man den ganzen Segen direkt aus erster Hand.

Das dritte Eisfeld konnten wir einsehen, sah gut machbar aus. Wir haben aber biwakiert und Radio gehoert (so'n kleines Winzding, bei solchen Touren sehr zu empfehlen). Da hiess es, dass am naechsten Nachmittag Gewitter "moeglich seien". Da wir noch recht viel Wand ueber uns hatten, sind wir lieber am Tag drauf wieder runtergestiegen, obwohl frueh strahlend blauer Himmel ohne Wolken war.

Abstieg war Abseilen vom Biwak, dann das ganze zweite Eisfeld wieder queren und absteigen, und dann kam tatsaechlich eine richtige Abseilpiste! (ca 4 (?) mal abseilen) Von den erwaehnten zwei Bohrhaken kommt man bis unterhalb des Hinterstoisser Quergangs, aber es war halt spannend, sich einer unbekannten Piste anzuvertrauen. Seilabziehen ist uebrigens kein Problem, da ja bekanntlich alle Felsen abschuessig sind, es gibt nichts, wo sich das Seil verhaengen kann.

Von dort sind wir noch den schwierigen Riss abgeseilt und dann zum Stollenloch gequert. Als wir dort eine halbe Stunde ausgeruht hatten, kam innerhalb einer viertelstunde das befuerchtete Gewitter um die Ecke. Es war wirklich erstaunlich, wie schnell der blaue Himmel ein Gewitter produzieren konnte. Die Sturzbaeche am zerschrundenen Pfeiler waren arm bis koerperdick und wir sind durch den Tunnel marschiert, haben allerdings bis abends gewartet, damit uns kein Zug erwischt. Beim Genfer Sporn gibt es ein paar Raeume im Tunnel mit Fenster, dort haben wir den letzten Zug vorbeigelassen.

Nach einer Nacht im Zelt mit etlichen Gewittern konnten wir am naechsten Tag eine frisch verschneite Wand bewundern.

Das wars so im groben
Eckehard

PS:
der laut Reinhard Karl "steineschmeissende Kohlehaufen" ist erst ab dem 2.Eisfeld so schwarz, unten ist helles Gestein.

redaktionell bearbeitet by Th. Frank , 22. Dezember 1996